Haus des Fuhrmanns

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Kirchstrasse 1

Haustyp: Vogelsberger "Streckhof". Wohnhaus, Stall und Scheune sind unter einem gemeinsamen Dach untergebracht. Erbaut: 1833. Ein Vorgängerbau ist auf dem "Handriss Grundstücke und Gebäude" von 1827 nicht eingetragen. Jedoch sind drei kleine Häuser an der Peter-Fuchs-Strasse eingezeichnet, die es heute nicht mehr gibt. Die enge Holzverriegelung in Eiche lässt auf einen gut situierten Hausstand schließen. Der ursprüngliche Stall wurde um 1900 in das Wohnhaus einbezogen, so dass mehr Wohnraum zur Verfügung stand. Das Wohnhaus ist großzügig unterkellert, mit einem Gewölbe.

Hausgeschichte: Ein Viertel Jahrhundert nach Errichtung des Hofes liegen erste Aufzeichnungen vor. Als ein Adam Scharmann, 1858 in Wohnfeld geboren, heiratet, kann er seiner Frau Katharina einen stolzen Hof präsentieren. Den Wohlstand der Familie hat man zunächst nicht so sehr der Landwirtschaft sondern Adams Fuhrgeschäft zu verdanken, das es von seinem Vater übernommen haben soll.

 Beladen mit Produkten aus dem Dorf macht sich Adam mehrmals im Jahr mit zwei Pferden und einem schwer beladenen Leiterwagen nach Frankfurt auf. Vom steilen Vogelsberg in der flachen Wetterau angekommen, übernachtet er im Gasthof "Hindenburg" in Inheiden, um am anderen Tag nach Frankfurt zu reisen. Dort logiert er im "Haferkasten". Zurück geht es mit Stoffballen, Zucker und allem, was ihm die Wohnfelder zum Einkaufen in der großen Stadt aufgetragen haben.

 Das so zusätzlich zur Landwirtschaft verdiente Frachtgeld legt er gut an. Etwas Geld kommt auch über den Schnapsvertrieb rein, man brennt im Keller. So entsteht

vermutlich die erste "Kellerbar" in Wohnfeld.

 Im Jahre 1883 wird der Sohn Heinrich geboren, der sich ganz der Landwirtschaft widmet und das Fuhrgeschäft aufgibt. Dank des Vaters umsichtigen Haushaltens ist Geld vorhande. Als Heinrich mit 45 Jahren stirbt, hinterlässt er seiner Frau Anna und den beiden Töchtern einen modernen landwirtschaftlichen Fuhrpark, dem einst seine ganze Leidenschaft galt.

 Die Tochter Erna übernimmt den Hof und heiratet 1932  Wilhelm Schombert aus Groß Eichen. Aus der Ehe gehen zwei Töchter und ein Sohn, Karlheinz, hervor. Man ernährt sich von der Landwirtschaft und betreibt eine kleine Imkerei. Auch wird Wilhelm immer wieder geholt, wenn ein Kalb zur Welt zu bringen oder ein Haustier krank ist. Er ist der heimliche "Tierarzt" des Dorfes.

 Von 1956 bis 1972 ist Wilhelm Bürgermeister von Wohnfeld, dann wird das Dorf nach Ulrichstein eingemeindet. Ganze 70 000 DM umfasst 1968 der Wohnfelder Haushaltsplan bei rund 350 Einwohnern. Somit stehen 200 DM pro Einwohner und Jahr für kommunale Aufgaben zur Verfügung. Wilhelm erhält für seine Dienste eine monatliche Aufwandsentschädigung von 1 DM pro Einwohner.

 Im gleichen Jahr seiner ersten Bürgermeisterwahl, 1956, kauft sich Wilhelm Schombert den ersten Traktor, hier "Schlepper" genannt. Von den einst vier Pferden wird nun nur noch eines zum Kartoffelsetzen ins Geschirr genommen. Dann folgt 1965 der zweite und 1972 der dritte und letzte Schlepper, alle drei erworben in Stockhausen bei Mücke. Mittlerweile packt sein Sohn Karlheinz mit an, unterstützt von seiner Frau Inge aus Ulrichstein. Längst ist die Stadtfrau von der Schwiegermutter zur Bäuerin "umgeschult" worden. Zwei Kinder, Holger und Birgit, erblicken hier das Licht der Welt. Im Jahr 1999 wird die Landwirtschaft aufgegeben.