Mühlen

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Hahnmühle

Unter einer Staubschicht begraben, wartet die kleine Kulturgeschichte der Mühlentechnik auf ihre Entdeckung. Das verborgene Kleinod Vogelsberger Müllerhandwerks hat einen Namen: die Hahnmühle in Wohnfeld. Ihre Besitzer, die 84jährige Ottilie Altensen und ihre Sohn Hans Ernst, sind lebende Zeugen vergangenen Müller Stolzes. 

Es dreht sich noch, das oberschlächtige Mühlrad. Und auch von der Mühltechnik der stolzen Hahnmühle in Wohnfeld ist noch einiges intakt. Doch Korn wird nicht mehr gemahlen. Dabei gab es Kundschaft zur Genüge, als Ottilie Altensen und ihre Sohn Hans Ernst im Jahre 1982 das Mahlen aufgegeben haben: "Es hat sich eben nicht mehr rentiert". 

Rentiert hat sich das Kornmahlen ab den 60iger Jahren nicht mehr. Doch auch vorher war es ein mühseliger Broterwerb, obwohl die Mühlsteine und später dann das Walzenpaar des Walzenstuhls so gut wie jeden Tag liefen und das Gebälk zum Zittern brachten. Aus etlichen Dörfern der heutigen Großgemeinde Ulrichstein, der höchstgelegenen Stadt Hessens, holte man das Korn zum vermahlen, wann immer die Bauern Mehl zum Brotbacken benötigten. Später wurden dann die Bäcker beliefert, die im Auftrag der Kunden backten. "Wir hatten immer Gesellschaft" erinnert sich Ottilie Altensen an das ständige Kommen und Gehen der Mahlgäste.

So ist dem "Müller-Kalender" des Ur-Großvaters zu entnehmen, dass am 25. Februar 1904 für einen Heinrich Dietz aus Sellnrod 50 Kilogramm Korn zu einem Mahlpreis von 1,50 Mark vermahlen worden ist. Einträg von Mahlkunden wie August Roth und Isaak Kratz aus Bobenhausen II oder Heinrich Stein aus Feldkrücken und weitere aus Kölzenhain, Wohnfeld und Altenhain legen Zeugnis ab vom lokal begrenzten Kundeneinzug. Und obwohl ein Herr Fuchs genau gegenüber der einzigen, heute nicht mehr vorhandenen Getreidemühle in Kölzenhain wohnte, ließ er in der etliche Kilometer entfernten Hahn-Mühle malen, wie es der Mahlbucheitrag dokumentiert. Und immer wieder ist es nicht viel mehr als ein Zentner, der zum Mahlen anstand. Man ließ nur für den unmittelbaren Gebrauch mahlen. 

Tauschmehlhandel vom Finanzamt unterbunden 

Backte die Bevölkerung ihr Mehl meist selber zu Brot, die kleinsten Vogelsberger Dörfer leisteten sich zwei bis drei kleine Backhäuser, übernahmen sukzessive dann die Bäckerein das Backhandwerk. Entweder organisierte die Hahnmühle den Mehltransport oder die Kleinbauern selbst liefertn ihr Mehl in der Bäckerei Deubel in Bobenhausen ab. Dafür erhielten sie Brotmarken, aus Belch gestanzte Münzen mit der Prägung "K.D.B", die für Karl Deubel Bobenhausen stand. Ein Marke hatte den Gegenwert eines Vierpfünders. Dieser Tauschmehlhandel, bei die Geldwirtschaft umgangen wurde, mißfiel dem Finanzamt so sehr, dass der Bäcker gezwungen wurde Buch zu führen und Quittungen auszugeben. 

Das Alter der Hahnmühle ist nicht bekannt, auch nicht das Datum ihre Umzugs. Ursprünglich stand die Mühle auf der Mooswiese in der Nähe der Lohmühle bei Bobenhausen II. Dort wurde sie vor etlichen hundert Jahren aus unbekannten Gründen abgebaut und ins wenige Kilometer entfernte Wohnfeld am gleichen Gewässer, dem Streitbach, wieder aufgebaut. Unklar ist auch die Herkunft des Namens der Mühle. Vermutlich entlieh man ihn von dem einst an ihr vorbeiführenden Straßennamen "Hahnwiesenweg". 

Bis 1970 leistete die Müllerfamile Altensen mit ihren beiden kräftigen Pferden Spanndienste, holte Korn und lieferte Mehl zurück. Gut zwei Mal in der Woche wurden dann die Pferde angespannt, denn einen Traktor hatte man nicht. Um die 40 Zentner konnten die Pferde ziehen. Zwei weitere Pferde, im Nachbardorf ausgeliehen, mußten jedoch immer dann zusätzlich vorgespannt werden, wenn es galt mit den prall gefüllte Getriedesäcke die steile Steigung von Bobenhausen II nach Wohnfeld zu bewältigen. Bisweilen kam aber auch die Kundschaft in die Mühle. So auch ein arme Flüchtlingsfrau, die in Ermangelung eines Mehlsacks ihr Unterhemd auszog und es als Sack benutzte. Überhaupt war die Hahnmühle in den von Lebensmittelrationierung geprägten Kriegs- und Nachkriegsjahren ein weit bekannter Anlaufpunkt. Es habe sich herumgesprochen, erinnert sich Ottilie, "dass bei uns niemand leer ausging". Strafbescheide aus dieser Zeit zeugen davon, dass man damals gegen die Gesetze, nicht aber gegen die Menschlichkeit verstossen hat. 

Zum Leben reichte das Müllern hinten und vorne nicht; damals bekam man für 50 Reichs-Pfennige drei Pfund Mehl. Und so betrieb die Vogelsberger Müllerfamilie ein wenige Landwirtschaft, hielt sich Kühe und zwei Pferde. "Ich sage es ehrlich, vorher ging es mir besser", räumt Ottilie Altensen mit der einst weit verbreiteten Vorstellung auf, das Müllerleben sei von Wohlstand geprägt. 

"Müller und Bäcker sind die letzten, die tothungern" 

Generell jedoch waren die Müller zumeist keine armen Leute. Sie waren häufig besser gestellt als die Bauern, die einzig von ihrer Landwirtschaft leben mussten. So sagt es auch ein altes Sprichwort: "Müller und Bäcker sind die letzten, die tothungern". Nicht zu unterschätzen waren die Nebeneinkünfte der Müller durch die Vieh- und Schweinewirtschaft. Böse Zungen, so ist es aus dem Frankenland überliefert, behaupteten: "Der Müller hat die besten Schwein, die im ganzen Land sein, das machen der Bauer Säcke allein". Mit den Abfällen des Mahlvorgangs (Kleie, Nachmehl) wurden die Schweine des Müllers gemästet. Anders im Vogelsberg, hier gab es kaum Kundenmühlen, die selbst mit Mehl handelten. Auch nahmen die Bauern die Kleie wieder mit. 

Im rauen Vogelsberg hatten beide, Bauer und Müller, es nicht leicht. Der Boden ist karg, die Getreideernte fällt spärlich aus im Vergleich zu den unermesslich reichen Ackerböden in der angrenzenden Wetterau. Und dann die Konkurrenz. Wie Perlen an einer Schnur reihten sich die Mühlen entlang der Bäche. Die aus acht Dörfern und der Stadt Ulrichstein bestehend Gemeinde verfügte im Jahre 1661 über 31 Mühlen. Und die auf heute 3000 Einwohner angewachsene Gemeinde dürfte zu dieser Zeit deutlich weniger Menschen gehabt haben. 

Allein in Wohnfeld zählte man 1684 drei Mühlen, 1827 waren es deren fünf (Rappelmühle, Schneidtmühle, Hofmannsmühle, Dorfmühle und die Hahnmühle). Sie mahlten nicht nur Getreide, sondern verfügten alle auch über einen sogeannten Schlaggang zur Ölgewinnung. Noch in den fünfziger Jahren mußte die Hahnmühle mit zwei lokalen Mühlen konkurrieren - die der Familie Wild in Sellnrod und die Lohmühle bei Bobenhausen II. 

"Da haben wir naut verdient" 

"Ganz schlimm", erinnert sich Ottilie, waren die frostreichen Winter. Wehe, wenn der Nachtfrost kam und der Mühlgraben war nicht umgeleitet. Das fror das Mühlrad ein und musste mit Pickel und Stangen vom Eis befreit werden. Doch auch der Sommer hatte seine Tücken, wenn das Wasser versiegte. Dann musste der Dieselmotor, der 1920 die zuvor betriebene Dampfmaschine abgelöst hatte, das stillstehende Mühlrad ersetzen, was den Verdienst des Müller drückte: "Da haben wir nau verdient" erinnerte sich Ottilie. 

Und das kam häufig vor. Ob Eis oder Trockenheit, immer wieder stand das Mühlrad, das nie durch eine Turbine ersetzt worden ist. Das war wohl auch bei anderen Wassermühlen der Fall. Nicht von ungefähr warb im "Müller-Kalender" von 1904, den Hans Ernst Altensen sorgsam aufbewahrt, eine Firma Heinrich Lanz aus Mannheim für ihr "Locomobil", eine Dampfmaschine, die als "Beste Aushilfe bei Wassermangel" angepriesen wird. Exakt 2061 dieser Dampfmaschinen, in 4 bis 300 Pferdestärken erhältlich, wurden in den Jahren 1901/1902 nach Firmenangaben an den Müller gebracht. 

Der Konkurrent, das Magdeburger Unternehmen R. Wolf, bekam für seine patentierten Heissdampf-Locomobilien gar 1900 den Grand Prix in Paris und die "Preussische goldene Staatsmedaille". Allein in Mahlmühlen habe man "zur Zeit 494 Wolf`sche Locomobilien im Betrieb", warb man 1904 für den "besten Ersatz mangelnder Wind- oder Wasserkraft". 

Der unredliche Müller, der keiner war

Falsch wie der vermeintliche Wohlstand der Müller, beharrt die Müllersfrau, sei auch die Meinung, der Müllerstand sei ein unehrlicher Beruf gewesen. Gut erinnert sich die rüstige 84jährige an so manch gemeinen Spott wie: "Wenn der Bauer net tut schweie (schweigen), behält der Müller auch noch die Kleie", die Runde machte. Will also sagen, wenn der Mahlgast nicht aufpasst, behält der raffgierige Müller auch noch den Mahlabfall für die Tiermast. In ihrer Mühle, insistiert Ottilie, sei die Kundschaft ehrlich behandelt worden, keinem sei unredlich zuwenig Mehl ausgegeben worden. Im Dorf jedefalls hat man die Hahnmühle in guter Erinnerung. Niemand sei abegwiesen worden, selbst die kleinsten Mengen Korn habe man dort bereitwillig vermahlen. 

Dem hohen sozialen und wirtschaftlichen Status des Müllergewerbes widerspricht die einst sprichwörtliche Unehrlichkeit der Müller. Der gesellschaftlichen Kontrolle weitgehend entzogen, kursierten immer wieder die wildesten Gerüchte über das schändliche Treiben in den Mühlen. Betrügerische Praktiken wie falsche Mehlmaße oder ausgehöhlte Mahlsteine, in denen sie angeblich gestohlenes Mehl versteckt haben oder Mehlkästen mit doppeltem Boden machten die Runde. Das Sprichwort, "neben jeder Mühle steht ein Sandberg", sollte einen Berufsstand diskreditieren, der das Mehl mit Sand oder Kalk steckt. Die Methode Mehl verstauben zu lassen, es im sogenannten "Himmel des Müllers", hinter einer Brettverschalung für sich einzufangen, wurde sogar in einer Mühlenverordnung aus dem Jahre 1592/1626 erwähnt und mit Strafe belegt.

"Hier hatte die Oma das sagen"

In den unsicheren Zeiten der Währungsreform, 1948, wurde die Ehe der damals junge Bäuerin Ottilie Schombert mit dem Müllersohn Gustav Altensen vollzogen. Von nun an lebten drei Generationen in dem kleinen Fachwerkhaus in Wohnfeld mit einem erstaunlich großzügigen, in das Wohngebäude integriertem mehrstöckigem Mühlenteil. "Das war schon sehr eng", erinnert sie sich. Und schnell musste sie lernen: "Hier hatte die Oma das sagen, solange bis sie gestorben ist". Und so war es auch, im rigiden Vogelsberger Matriarchat, selbst der Großvater musste sich fügen.

Ganz unbekannt war Ottilie Altensen die Müllerei nicht, als sie in die Hahnmühle einzog. In ihrer engeren Verwandtschaft gab es einen Müller. Der betrieb die Nikolausmühle an der Ohm, nicht weit von Groß-Eichen gelegen. Und doch war ihr das Mahlen verwehrt. "Das hat er mich nicht lassen machen". Er, ihr Ehemann Gustav, war fürs Mahlen zuständig. Dafür hatte er den Meisterbrief erworben. Mit einer maßstabsgetreuen Zeichnung der Hahnmühle sowie eingehendem theoretischen und praktischen Fachwissen bestand er die Meisterprüfung in Frankfurt.

Auch der einziger Sohn Hans Ernst ist gelernter Müller. Er hat zwar mit dem Erlernten später nicht mehr viel anfangen können, ist aber dennoch "ein wenig Stolz auf diesen alten Handwerksberuf", wie er sagt.

Rettung für defekte Mühlen: Der "Mühlarzt"

Reparaturen an den Mühlen führte ein in Wohnfeld lebender Stellmacher, Wilhelm Weber, durch. Dieser "Mühlarzt" konnte ebenso mit dem Holzwerk umgehen wie Lager gießen. Der Beruf des Mühlarztes oder Mühlenbauers ist sehr alt und wird beispielsweise bereits in der Würzburger Mühlenordnung von 1412 erwähnt. Er soll "kranke" sprich defekte Mühlen wieder zum Gehen bringen. Nicht Zimmerleute, sondern der Mühlenarzt widmete sich den funktionellem Holzwerk der Mühle. Müller und Mühlarzt hatten eins gemeinsam: die rauen Hände. Denn beim Schärfen der Mühlsteine, mit einem Hammer werden die abgenutzten Mahlfurchen im Stein nachgearbeitet, drangen abgesprungene Steinsplitter unter die Haut und verwuchsen mit ihr. 

Sein Gewerbe war meist ein ambulantes. Über Wochen kam der Mühlarzt nicht nach Hause, legte die großen Entfernungen zu den meist abgelegenen Mühlen zu Fuß zurück. Er wohnte dann in der Mühlstube seiner Kunden, wurde verköstigt und bei großen Aufträgen wurde auch mal ein Schwein geschlachtet, denn die Müllerin wollte sich zumeist keinen Geiz nachsagen lassen. 

Sehr empfehlenswert ist das Buch von Konrad Bedal "Mühlen und Müller in Franken", Fränkisches Freilandmuseum, Bad Windsheim.

Zahnräder aus Hainbuche 

In Eigenarbeit dagegen stellte man in der Hahnmühle die "Kammen" für das Kammrad her. Dieses recht große Gegenstück zum Mühlrad, im Inneren der Mühle auf dem Wellbaum sitzend, hat in der Hahnmühle auf seinem Radkranz 180 hölzerne Zähne, die Kammen, sitzen. Das Kammrad ist Teil des Getriebes, das die langsame vertikale Umdrehung des Mühlrades über ein Stockrad in die schnellere horizontale des Läufersteins umsetzte. 

Um den Abrieb der Kammen zu verzögern, wurde hartes Holz verwendet. Neben wildem Apfelholz (im Schwarzwald) und Esche (in der Teufelsmühle in Ilbeshausen) wurde sehr häufig Weißbuche (Hainbuche) verwendet. So auch in der Hahnmühle. Trotz guter Schmierung mit fester Schmierseife oder auch bisweilen Schweinefett, nutzen sich auch die besten und umsorgtesten Kammen ab und müssen ersetzt werden. Das muß auch Hans Ernst erfahren, der mit trickreichen Hilfskonstruktionen derzeit versucht, mit der Kreissäge Kammen standardisiert herzustellen, um so die kariösen Zähne des Kammrads zu ersetzen. 

Bereits instandgesetzt ist das oberschlächtige Mühlrad. Hier hat Eisen bereits 1946 die Holzspeichen und Schaufeln aus Holz ersetzt. 1980 stand die letzte Renovierung an und 1992 wurde der hölzerne Wellbaum ebenfalls durch Stahl ausgetauscht. Dabei benutzte der findige Müller eine Achse von einem Eisenbahnwagon, dem er die Räder demontierte. 

Noch keine Lösung will ihm für die wiederholte Renovierung der Schaufeln einfallen, die bereits nach 20 Jahren Durchrostungen zeigen. "Vielleicht nehme ich diesmal Edelstahl" zeigt sich Hans Ernst Altensen entschlossen, das Mühlrad zur Stromerzeugung für die elektrische Zusatzerwärmung der Warmwasserheizung zu retten. Doch eine Wiederbelebung der alten Mühle ist deshalb nicht angesagt. Im Gegenteil, er hätte, sagt er, keine Bedenken, den Mühlenteil für Wohnzwecke umzubauen. 

Steinmahlgang überlebte die modernen Zeiten

Die Mühlentechnik selbst ist weitgehend komplett. Verkauft wurde jedoch der "Trieur", eine Vorrichtung zum Auslesen von Unkrautsämereien vom Mahlgetreide, 1844 erfunden. Was hier ausgesondert wurde, sagt Ottilie, "wurde als Vogelfutter genutzt". auch fehlt die sogenannte Putzmaschine. 

Vorhanden ist ein von einst zwei Mühlsteinpaaren. Dieser Steinmahlgang diente bis zum Schluss als Schrotgang, also dem Zerkleinern des Korn für Futterzwecke. Wie viele ehemalige Mehlgänge wurden das Steinpaar auch hier später nur noch zum Schroten eingesetzt. Nur in dieser Funktion überlebte so mancher Steinmahlgang die modernen Zeiten. Mit der Erfindung des Walzstuhls, um 1880, wurde Mehl mit dieser fortschrittlichen Technik erzeugt. Der in der Hahnmühle noch vorhandene Walzenstuhl ist ein recht altes Expemplar das von der Firma Dost in Dresden hergestellt worden ist. Im Jahre 1910 gab es im Deutschen Reich zwar noch knapp 86 000 Mahl- und Schrotgänge aber bereits 32 000 Walzstühle.

Text & Recherche:

Claus Schwing, Liane Jache,

Karuszel e.V., Dezember 2000